Lehrerpersönlichkeit vs. Unterrichtskonzepte

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Have I ever learned to solve that stuff? Berlin - Kath. Oberschule Sankt Marien

Have I ever learned to solve that stuff?  Berlin - Kath. Oberschule Sankt Marien

Bekanntermaßen bin ich ein Verfechter des Kooperativen Lernens. Es ist ein Konzept für Unterricht, dass sich nicht nur innovativen Methoden bedient, sondern allen Unterrichtsformen seine Daseinsberechtigung gibt. Die Frage ist immer, was erreicht werden soll, danach wird die Methode gewählt: „Die Form folgt der Funktion.“ Durch das Konzept soll kein Fachwissen in den Gehirnen der Schülerinnen und Schülern verankert werden. Es werden Kompetenzen geschult, die eine Handlungskompetenz hervorrufen. Soweit so gut.

Ein Filmtipp

Nun habe ich von einem meiner Seminarteilnehmer einen Filmtipp bekommen.1 In diesem Film wird von einer Studie berichtet, die zu dem Entschluss gekommen ist, es sei egal, in welcher Sozialform der Unterricht abgehalten wird. Wichtig sei hingegen alleine die Lehrerpersönlichkeit, denn nur diese sei für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler ausschlaggebend. Die Ergebnisse der Studie werden zwar genannt, aber leider wird nicht gesagt, wie die Studie lautet, wo man sie findet etc. Aber glauben wir dem Ganzen mal einen Augenblick. Meine Gedankten kreisten nach dieser Theorie ein wenig hin und her.

Fragen zur der Theorie

  • Ist guter Unterricht dann nur von der Lehrerpersönlichkeit abhängig?
  • Wie definieren wir die Lehrerpersönlichkeit, die für unsere Kinder und Schüler dann optimal ist?
    (Streng? Witzig? Offen? Gemein? Ehrlich?
    Niederträchtig? Befehlend? Groß? Klein?
    Politische Meinung?  Glaubensbekenntnis?
    )
  • Wenn wir die optimale Form der Lehrkraft definiert haben, wie soll dann, nach diesen neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Ausbildung der Lehrkräfte sein?
  • Müssen alle Referendare eine Gehirnwäsche durchleben, die sie zu einem guten Menschen nach Auffassung der Studie oder noch besser des Staates machen?
  • Wie sehen die Kriterien für guten Unterricht dann aus?
  • Wie sollen die zweiten Staatsexamen bewertet werden?
  • Braucht man dann gar keinen Unterricht mehr zu sehen, sondern genügt es, wenn man ein Gespräch mit dem Prüfling führt und dann erkennt, ob er ein guter Mensch, also auch ein guter Lehrer ist?
  • Wenn der Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler einzig von der Persönlichkeit der Lehrkraft abhängt, sind dann alle Lehrkräfte in den Schulen, die für die miserablen PISA-Ergebnisse verantwortlich sind, schlechte Lehrer und im Kern dann schlechte Menschen?

Zurück zur Studie

Nochmals zurück zu der Studie: Leider ist auch nicht bekannt, was als Lernerfolg gewertet wurde. Geht es um Fachwissen, was bei den Schülerinnen und Schüler abrufbar war oder haben sie, wie es in den Lehrplänen verankert ist, Kompetenzen entwickelt und konnten diese auf andere Sachverhalte anwenden? Leider schweigt sich der Film auch an dieser Stelle aus. Eine endgültige Bewertung der gemachten Aussage kann somit nicht stattfinden.

Menschenbild des Lehrers

Die Lehrerpersönlichkeit ist sicherlich ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts, aber vielmehr ist in meinen Augen das Menschenbild der Lehrkräfte von Bedeutung. Denn solange Kolleginnen und Kollegen Schülerinnen und Schüler nicht respektieren, sie nicht mit ihren persönlichen Erfahrungen und Problemen ernst nehmen und vergessen haben, dass auch sie mal jung waren und die Probleme mit Freund, Freundin, Familie, Haustier und sich selbst in manchen Situationen um ein vielfaches wichtiger sein können, als der Unterrichtsstoff, solange kann keine Atmosphäre herrschen, die einlädt zu lehren und zu lernen.

Kompetenzzuwachs

Auch wenn die Lehrkraft von den Schülerinnen und Schüler noch so gemocht wird, kann sie keinen Komptenzzuwachs bei den Schülerinnen und Schüler erreichen, wenn sie stetig und fortwährend im tradierten lehrerzentrierten Unterricht unterrichtet. Es ist einfach nicht möglich Teamfähigkeit oder Kommunikationsbereitschaft zu erlangen, wenn eine Lehrkraft einen Vortrag hält. Ein wirkliches Verständnis der Dinge kann nicht erreicht werden, wenn man die Sachverhalte vorgekaut bekommt. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich selbst Gedanken zu dem Themen machen und sich auf ihrem Niveau2 austauschen, sich befruchten, Thesen aufstellen und diese überprüfen.

Damit ich nicht falsch verstanden werde, ein Lehrervortrag hat sicherlich in vielen Fällen eine Daseinsberechtigung, aber der tradierte Frontalunterricht, in dem nahezu ausschließlich die Lehrkraft den Redeanteil in der Klasse hat, kann nicht der Ersatz für einen Diskurs unter den Schülerinnen und Schüler sein. Außerdem kann er viele, der in den Lehrplänen geforderten, Kompetenzen nicht erreichen, da die Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schüler entstehen und nicht durch einen Vortrag übertragen werden können.

Die Spezialisten

Die eigentlichen Spezialisten, die diese Frage doch am besten beantworten könnten, sind die Schülerinnen und Schüler. Vielleicht sollte man die mal fragen….

  1. Das Wissen vom Lernen“ von Erika Fehse aus dem Jahr 2005 []
  2. Sowohl sprachlich, als auch intellektuell. []

2 thoughts on “Lehrerpersönlichkeit vs. Unterrichtskonzepte

  1. Meinem Weltbild entsprechen die Ergebnisse dieser Studie (die ich ansonsten überhaupt nicht näher betrachtet habe) schon. Ich halte die Situation vergleichbar mit der von Therapeuten: welche Therapieform ist denn da die optimale? Oder ist die Frage sinnlos? Arzt und Patient müssen in dem Fall die Therapie für wirksam halten, dann klappt’s auch damit. Welche auch immer das ist.

    Zu den Fragen:

    „Ist guter Unterricht dann nur von der Lehrerpersönlichkeit abhängig?“
    – Nein, natürlich nicht. Ist vor allem von den Schülern abhängig.

    „Wie definieren wir die Lehrerpersönlichkeit, die für unsere Kinder und Schüler dann optimal ist?“
    – Es heißt nirgendwo, dass es genau eine optimale Persönlichkeit gibt. Das glaube ich auch nicht. Schön, dass du optimal und nicht maximal geschrieben hast. Denn es geht nicht darum, Schüler maximal guten Unterricht zu bringen. Das hält man nicht lange durch.

    „Wie sehen die Kriterien für guten Unterricht dann aus?“
    – Wie auch immer du willst. Die Frage stellt sich bei der Beurteilung jeglichen Unterrichts.

    „Wenn der Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler einzig von der Persönlichkeit der Lehrkraft abhängt, sind dann alle Lehrkräfte in den Schulen, die für die miserablen PISA-Ergebnisse verantwortlich sind, schlechte Lehrer und im Kern dann schlechte Menschen?“
    – Der Lernerfolg hängt in erster Linie von Schülern und Eltern ab. Und von den Lehrplänen. Die Lehrkräfte für PISA verantwortlich machen halte ich für zu kurz bgegriffen. So große Unterschiede machen Lehrer nicht, glaube ich. Eine Sicht, die von vielen geteilt wird, laut der einen Studie neulich (es kommen gerade so viele heraus, dass ich nicht mehr weiß, welche=. Muss deswegen natürlich nicht stimmen.

    „Leider schweigt sich der Film auch an dieser Stelle aus. Eine endgültige Bewertung der gemachten Aussage kann somit nicht stattfinden.“
    – Ich habe den Film nicht gesehen. Muss auch alles nicht stimmen. Aber das kann man so von jeder Studie sagen.

    Dass das Menschenbild des Lehrers eine große Rolle spielt: keine Frage. Aber so einfach ist das mit dem respektieren und ernst nehmen nicht. Sehr viel habe ich als Schüler von einem Deutschlehrer genannt, der uns zumindest nicht auf offensichtliche Art respektiert hat. Irgendwo schon, natürlich. Der war toll. Aber er hat keine Rücksicht darauf genommen, dass wir mal Probleme mit Freund, Freundin, Familie oder Haustier hatten, und gerade darin äußerte sich sein Respekt für uns, fanden wir. Elfte Klasse, in der Mittelstufe sicher anders.

    „Auch wenn die Lehrkraft von den Schülerinnen und Schüler noch so gemocht wird, kann sie keinen Komptenzzuwachs bei den Schülerinnen und Schüler erreichen, wenn sie stetig und fortwährend im tradierten lehrerzentrierten Unterricht unterrichtet.“

    Ganz ehrlich: wie habe ich dann jemals in den 1980ern in der Schule etwas lernen können? Ich hatte Kompetenzzuwachs. In Englisch sicher aus außerschulischen Quellen, in Deutsch und Mathe: Schule. Und in Bio auch. Den einen Lehrer mochte ich, den anderen nicht besonders.

    „Ein wirkliches Verständnis der Dinge kann nicht erreicht werden, wenn man die Sachverhalte vorgekaut bekommt.“ => Sachbücher abschaffen?

    „aber der tradierte Frontalunterricht, in dem nahezu ausschließlich die Lehrkraft den Redeanteil in der Klasse hat“
    Entschuldige, aber den gibt es doch gar nicht. Nicht in meiner Schulzeit und nicht heute. Dass der Lehrer zuviel redet: keine Frage. Dass einzelne Schüler zu wenig reden: klar. Dass der Lehrer fast ausschließlich redet: nein. Die Standardunterrichtsform ist Lehrer-Schüler-Gespräch, eine rundherum faule Sache, vermutlich oft unproduktiver als ein frontaler Vorlesungsvortrag.

  2. Das Beispiel mit dem Arzt finde ich gut getroffen, aber es zeigt, wenn man es weiter denkt, dass auch der Arzt Fachwissen braucht. Nur weil ich mit den Arzt auf einer Wellenlänge ticke, heißt es noch lange nicht, dass er die richtige Diagnose stellt oder wenn dieses geschehen ist, die Behandlung anschlägt. Wenn ich einen unsympathischen Vogel vor mir habe, der aber richtig diagnostiziert und mich richtig behandelt, geht es mir schon bald besser. So kann es auch in der Schule funktionieren – Lehrer müssen nicht der beste Freund der Schülerinnen und Schüler sein.

    Ich will nicht auf alle Deine Antworten eingehen, da ich mich da wohl im Kreis drehen würde, aber einige Schwerpunkte deutlich machen. Außerdem sollten die Fragen nur das Nachdenken über diese eigentümliche Theorie anregen.

    Du stellst selbst dar, dass Du einige Kompetenzen außerschulisch erreicht hast. Böse gefragt: Warum braucht man dann noch Schule? In einigen Fächern hast Du aber auch in der Schule Kompetenzen erlangt – so soll es doch sein. Es geht in meinen Augen aber darum, dass nicht zufällig eine Kompetenz im Unterricht entsteht, sondern geplant! Und an der Stelle, kann die Persönlichkeit nicht in den Vordergrund gestellt werden, denn eine Kompetenz hat etwas mit dem echten Verstehen von Strukturen zu tun. Dieses Verstehen kann nur bei der Schülerin oder dem Schüler selbst erzeugt werden.

    Selbstverständlich sollen Sachbücher nicht abgeschafft werden (Obwohl das ja auch schon diskutiert wird und die Idee gar nicht so falsch ist. -http://www.gleich8.de/2011/04/18/das-digitale-schulbuch-unter-creative-commons-lizenz-open-source-fuer-die-schule/ ), genauso wenig ist ein Lehrervortrag zu verteufeln. Die Frage ist immer nur, wie werden die Informationen aus diesen Medien verarbeitet, wie kann ich es erreichen, dass die Schülerinnen und Schüler sich das Wissen nicht in den Schädel bimsen, sondern verstehen, was dort dargestellt wurde. Das macht das Lernen ja aus: Zusammenhänge zu verstehen und diese anzuwenden.

    Ich komme aus der beruflichen Bildung und da sind die Eltern nicht mehr so im Zentrum der Schülerinnen und Schüler angesiedelt. Natürlich hinkt somit die Frage, die sich auf die PISA-Studie bezieht. Die Verantwortung alleine auf die Eltern und die Kinder zu schieben, halte ich aber auch nicht für richtig. Natürlich tragen auch die Eltern eine Verantwortung zu dem Bildungserfolg ihrer Kinder und sicherlich sind viele Eltern nicht mehr daran interessiert, dass ihre Kinder Bildung erfahren. Aber gerade dann, wenn wir das wissen, sollte es doch unsere Aufgabe sein, diese Kinder zu fördern und das geht nicht nur über die persönliche Beziehung und einer positiven Lehrerpersönlichkeit.

    Daher: Wenn die Lehrerpersönlichkeit so ausgeprägt ist, dass sie mit den Schülerinnen und Schülern auf einer ähnlichen Welle schwingt, dann ist das sicherlich für den Unterricht und das erreichen der Ziele förderlich. Aber sie ist sicherlich nicht der wichtigste Punkt für einen erfolgreichen, kompetenzorientierten und bildenden Unterricht. Hier kommt aber wieder das Menschenbild in den Fokus. Lehrkräfte müssen ein Menschenbild haben, dass den Unterricht fördert und nicht bremst.

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