Lehrer(in) – Leider geil // Das Vorbild

Lehrer(in) ist der beste Beruf der Welt.

Das ist ein Statement, dass ich immer wieder in der Öffentlichkeit vertrete.1 In den meisten Fällen wird diese Aussage abgenickt und die Gesprächspartner denken sich ihren Teil. Nun fragte mich aber ein Teilnehmer eines Seminars, warum ich das so sehen würde. Meine 50 Cent zu dem Thema möchte ich Dir hier vorstellen, denn ich bin fest davon überzeugt, dass wir etwas verändern können.

In dieser Serie werden drei Aspekte des Lehrerdaseins thematisiert, die alle auf ein ähnliches Ziel steuern. Heute: Das Vorbild.

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  1. Auch wenn ich das gerne umgehend wieder relativiere, denn der beste Beruf ist Studienleiter 😉 – sonst wäre ich ja nicht hauptberuflich in diese Richtung gewechselt. []

Verantwortung muss man abgeben können

Wer trägt eigentlich die Verantwortung für den Lernerfolg jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin?

  • Die Lehrperson? – Die wird ja schließlich fürstlich entlohnt!
  • Die Eltern? – Die müssen den Zöglingen mal klar machen, dass Sie was lernen müssen!
  • Die Gesellschaft? – Die ist sowieso Schuld! An allem!
  • Das Internet? – Facebook ist böse und google auch! Da findet mal so viel!

Ich finde in der obigen Aufzählung keinen Schuldigen. Die Verantwortung trägt der Lernende selbst. Was im Hobby oder der Fahrschule klar wie Kloßbrühe ist, ist in der Schule von einer Holschuld zur Bringschuld geworden.

Damit dem Lernenden in der Schule klar wird, dass er die Verantwortung trägt, muss es mindestens einer anderen Person im Raum auch klar sein: der Lehrperson. Wenn diese sich nicht darüber im Klaren ist, dass sie niemandem Wissen übertragen kann, sondern dieses immer und immer wieder bei dem einzelnen Lernenden neu entwickelt werden muss und der Lernende die Verantwortung dafür trägt, dann kann der Lernende das auch nicht wahrnehmen.

Sicherlich werden viele Kolleginnen und Kollegen die letzten Sätze abnicken. Leider sind das häufig Lippenbekenntnisse, denn wenn man im Unterricht mal Mäuschen spielt, dann können sich solche Szenen abspielen:

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Bitte, benutze nur EINEN Kalender oder 24!!!

Vor einiger Zeit habe ich mich mit einer Kollegin unterhalten und wir kamen über Kalender ins Gespräch. Ihre dogmatische Aussage war: „Ich würde niemals meine beruflichen Termine in meinem privaten Kalender1 notieren.“ Eine Terminabsprache war somit nicht möglich, da die Dame nicht wusste, wann sie einen privaten Termin hatte. Die Terminabsprache wurde auf eine E-Mail-Korrespondenz verlegt.

Mein erster Gedanke war in dieser Situation: „Das kann doch nicht war sein…“ Wie kann ich Beruf und Privat zu streng von einander trennen, so dass ich zwei (2!!) Kalender brauche, um Termine mit Kolleginnen und Kollegen oder Freunden und Familie abzusprechen?

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  1. Es ging nur um Taschenkalender aus Papier. []

Gelesen: Wie ich die Dinge geregelt kriege – David Allen

Ich habe in der Zeit im Studium und im Referendariat viel über ihn gelesen, aber nie ihn selbst. Nun habe ich es gewagt und bin begeistert!

Speichere alles außerhalb deines Kopfes in einem für dich logischen System

DAVIDALLENDavid Allen stellt sein System „Getting Things Done“ – kurz GTD – in dieser Bibel für Selbstmanagement vor. Auch wenn das Buch von einigen wegen der schlechten Übersetzung gerügt wurde, wurde das System von mir verstanden und diese Problematik kam bei mir nicht zum Vorschein. Nun muss ich auch gestehen, das Original nicht zu kennen. Beim Lesen des Buches bekommt man regelrecht Lust, Dinge zu tun, auszuprobieren und zu erledigen.

Ein bedeutsamer Punkt, auf dem das Ganze System aufbaut ist der, dass das Gehirn nicht dazu gemacht ist Aufgaben zu behalten und sich an diese zu erinnern, sondern Aufgaben lösen kann und will. Somit ist ein Ansatz, alles was David Allen als „loses Ende“ bezeichnet, in logisches System zu bringen. Dieses System wird dann systematisch durchgearbeitet.

Wichtiger als der echte Punkt des Erledigens ist das Gefühl der Befreiung, wenn man weiß, dass alle Dinge, die noch auf einen warten, in einem System gespeichert sind, auf das man regelmäßig zurückgreift und auf das man sich verlassen kann.

Den weißen Hasen zum Teufel jagen…

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen mit dem Vorgehen Probleme haben, da es ein recht starres Kleid scheint, in dass man sich zwingen soll. Dennoch sind die Methoden und die Instrumente, die man nutzt, um GTD durchzuführen nicht vorgegeben. Ob man mit Papier oder digital, am Rechner oder an Tablet, mit dem Notizbuch oder Karten arbeitet, bleibt jedem überlassen. David Allen gibt Tipps und Hinweise und ist nur in der Struktur dogmatisch.

Außerdem ist es sicherlich für viele ein echtes Problem, wenn sie schon unter Zeitnot, Unorganisation oder schlechtem Selbstmanagement leiden, auch noch ein solches Mega-System wie das von Allen anzunehmen und durchzusetzen. Es ist aber ein System, in das ich Zeit nicht verschenke, sondern investiere, um nachher besser und ausgeruhter damit zu arbeiten.

Die losen Enden der Lehrperson

In unserem Beruf gibt einen Haufen dieser losen Enden: Eltern- oder Ausbildergespräche, verschiedene Standorte, an denen man eingesetzt ist, Bücher und Material, das man einem Kollegen mitbringen möchte, Zurufe im Lehrerzimmer, die verbindlich sein sollen und so weiter. Ich habe mir vor einiger Zeit schon mal Gedanken zum Selbstmanagement als Lehrer gemacht und einige Texte dazu verfasst. Auch wenn ich einige der Werkzeuge nicht mehr nutze, sondern auf andere Software umgestiegen bin, bin ich mir sicher, dass das eine oder andere Schätzchen bei den Texten für den gestressten Kollegen oder die gestresste Kollegin dabei ist.

  • Wie organisierst Du Dich als Lehrperson?
  • Arbeitest Du nach einem System oder aus dem Bauch heraus?

Subjektive Note: 1

Hans-Peter Schumann

treppeDer schrille Ton der Schulklingel ertönte. Alle nahmen ruhig ihre Taschen auf und machten sich langsam und in aller Ruhe auf in die Klassenräume. Hans-Peter war natürlich schon auf dem Weg in die 10c. Als er gerade in das Treppenhaus abbog, hörte er von hinten seine Kollegen spotten: »Hannes, viel Spaß in der 10c. Die sind heute wieder suuuper drauf.« Hans-Peter drehte sich nicht um. Er hob nur dankend den Arm und schritt die Stufen hinauf. Als er den Flur betrat, hörte er schon die  10c. Lautes, pubertäres Gejohle, Gekichere und albere Geräusche. Tische verrückten, Stühle fielen. »Wie sollten diese Gestalten bloß irgendwann im Arbeitsleben klarkommen? Die Schule kann eben nicht die Arbeit des Elternhauses übernehmen.« Die Tür war nur angelehnt. Er ruhte einen Moment, bevor der die Tür mit Schwung aufriss und in den Klassenraum marschierte.

Der Fuß hatte den Boden des Klassenraums noch nicht berührt, da waren die Schülerinnen und Schüler bereits ruhig und gingen zügig auf ihre Plätze. Seine Tasche landete neben dem Pult. Mit routinierten Griffen, holte er seine Unterlagen aus der Tasche, ließ sie auf das Pult fallen und wünschte der Klasse einen guten Morgen. Diese erwiderte, wie man es aus alten Filmen kennt: »Guten Morgen Herr Schumann…« Er hatte die Klasse im Griff.

»Lest bitte den Text auf Seite 35. Beantwortet dann die Fragen, die unter dem Text stehen. Dafür habt ihr 10 Minuten Zeit. Danach bildet ihr 4er-Gruppen. Dort tauscht ihr Euch über die Fragen aus. Bereitet einen Kurzvortrag vor, der die Inhalte wieder gibt. Dafür habt ihr 20 Minuten Zeit. Wer das Ganze vortragen wird, entscheidet das Los. Der Vortrag wird bewertet«, klare und komplexe Instruktionen waren die Schülerinnen und Schüler bei ihm gewohnt. Sofort begannen sie, konzentriert zu arbeiten.

Nach 10 Minuten rief Hans-Peter in die Klasse: »Ihr könnt nun beginnen, Euch in der Gruppe auszutauschen.« Die Schülerinnen und Schüler fanden sich in Gruppen zusammen und diskutierten. Auch wenn nun alle Schülerinnen und Schüler am Unterricht beteiligt waren, verlief alles sehr ruhig.

Hans-Peter begann seine Aufzeichnungen durchzusehen und startete damit, den Unterricht des nächsten Tages vorzubereiten. Langsam erhöhte sich der Geräuschpegel in einer von Jungen dominierten Gruppe. Es wurde gelacht, geprustet und schlussendlich auch geschrien.

Hans-Peter ging das eindeutig zu weit. Er wollte seinen Stuhl nach hinten schieben, um die Störenden zu ermahnen. Der Stuhl bewegte sich aber keinen Zentimeter. Mit mehr Kraft drückte er vergebens gegen das Pult. Er beugte sich runter, um nachzusehen, was mit dem Stuhl los war.

Dabei erhöhte und veränderte sich der Geräuschpegel schlagartig und er schaute in ein Englischbuch. Das war sein Englischbuch aus der 7. Klasse. In dem Buch lag eine aufgerissene Tüte *Ahoi-Brause*. Waldmeister-Geschmack. Im Hintergrund hörte er seinen alten Englischlehrer, Herrn Blume, sprechen.

Riko, der neben ihm saß, erzählte im lachenden Ton: »Alter… Waldmeister geht normal ab! Du muss‘ ma‘ Zitrone nehmen! Das ballert Dir alles wech! Da is‘ Zitronensäure drinne.«
Auch wenn er es in dieser Situation nicht wollte, beugte er sich zum Buch hinunter und zog sich den kleinen separat liegenden Haufen *Ahoi-Brause – Waldmeister* durch das linke Nasenloch. Sofort begann die Brause zu brausen. Ein ungeheures Kribbeln kroch in seiner Nase hoch. Riko hielt sich seine Hände vor das Gesicht. Er prustete in seine Hände und musste lauthals lachen. Er beherrschte sich aber, um nicht den Englischunterricht zu sprengen. Hans-Peter kämpfte mit einem Nieser, der sich langsam, aber äußerst deutlich ankündigte.  Der Vulkan in seiner Nase stand kurz vor dem Ausbruch. Er schmiss seinen Kopf in den Nacken und rotzte eine Mischung aus *Ahoi-Brause* und Schnodder auf Rikos Englischbuch. Beide fingen lauthals an, zu lachen. Herr Blume lief rot an, nahm die beiden ins Vesier und schrie: »Hans-Peter!!! Riko!!! Seid ihr bescheuert?!« Hans-Peter schlug mit dem Kopf auf den Tisch, gröhlte und schlug mit der Faust neben seinem Kopf auf den Tisch… Beherrschung war in dieser Situation ein Fremdwort.

Als er sich wieder aufrichtete, um Herrn Blume entgegenzutreten, stand er vor einer Klasse. Orientierungslos schaute Hans-Peter sich um. Hinter ihm eine Folie an die Wand projiziert, die Adolf Hitler zeigt. Neben ihm saß Frau Krowaski, seine Geschichtslehrerin der 10. Klasse. Sein Brustkorb weitete sich. Luft im Magen suchte den Weg nach oben. Dumpfe Schläge in seinem Kopf hämmerten und machten ein logisches Denken unmöglich. »Hans-Peter, bitte fangen Sie an«, hörte man die schrille Stimme von Frau Krowaski. Die Stimme zirpte in seinen Ohren. Wieder kündigte sich die Luft an, die sich unaufhaltsam den Weg in die Freiheit suchte. »Also, Adolf hatte halt `nen Schäfer…«, weiter kam er nicht. Die Luft im Magen war stärker. Sie überschritt die Schwelle zum Mundraum und hinterließ mit einem tiefen Vibrieren den Geruch von Dosenbier und Jägermeister im Klassenraum.

Die Schülerinnen und Schüler der Klasse fingen an zu schmunzeln und zu kichern. »…hund. Also, Schäferhund… Den hat er echt voll geliebt. Also, der mochte den total.« Hans-Peter war bewusst, was für einen Unsinn er von sich gab, konnte der Situation aber nicht entfliehen. »Der hat auch immer was zu fressen bekommen und so.« Wieder spürte Hans-Peter einen Druck in der Speiseröhre. Dieses mal bahnte sich keine Luft den Weg, sondern ein Brei aus Jägermeister, Köpi, Kleiner Feigling und Dosen-Ravioli. Der Versuch, sich darauf zu konzentrieren den Schwall Halbverdautes nicht vor der Klasse zu präsentieren, scheiterte. Hans-Peter spürte, wie sich der Mundraum füllte und die Massen nicht zu halten war. Durch Nase und Mund suchte sich der Mageninhalt seinen Weg. Die Klasse schrie. Die Mädchen fingen gleichwohl an zu würgen und die Jungens in der letzten Reihe lachten sich kaputt. Hans-Peter viel auf die Knie. Er spürte, wie seine Hose an den Stellen, an denen sie den Boden berührte, durch eindringende Nässe feucht wurde. Die Peinlichkeit dieses Augenblicks entstand langsam und überlagerte das dumpfe Gefühl in seinem Kopf. Während sich der Kopf senkte, schlossen sich die Augen und er wünschte sich an einen anderen Ort. Es vergang eine gefühlte Ewigkeit. Als er bereit war, sich der Schmach zu stellen, waren auch seine Augen wieder bereit, den Hohn seiner Mitschüler zu empfangen und öffneten sich.

Er stand vor der 10c – seiner Klasse. Die Schülerinnen und Schüler starrten ihn an: »Herr Schumann… Alles in Ordnung?!« Hans-Peter nahm seine Hände hoch, schaute sie sich von beiden Seiten an und guckte in die Klasse. Sein Gesicht überzog ein breites Grinsen: »Kinnas, alles in bester Ordnung… « Mit wippenden, fast rhythmischen Schritten ging er zum Pult. Setzte sich. Lehnte sich mit den Ellbogen auf das Pult. Legte die rechte Faust in die linke Hand und stützte mit den Händen sein Kinn. Ein Rundumblick durch die Klasse endete auf der Gruppen Jungs, die ihn auch wortlos anstarrte. Immer noch verweilte das breite Grinsen auf seinen Lippen. Mit leichtem Kopfnicken brummte er zur Klasse: »Weitermachen… Einfach weitermachen!«

Hans-Peter_Schumann-Marcel_Spitau-2015 zum Herunterladen als PDF