Nein, alles war gut

AllesGut

Prüfend hielt er seinen Fuß in die Kabine. Das Wasser hatte die richtige Temperatur erreicht. Die Dusche tat richtig gut. Nach und nach löste das heiße Wasser seine verspannten Muskeln. Sie fand die Wohnung eben toll und so musste der gesamte Hausstand in den vierten Stock getragen werden. Er duschte länger als nötig. Das Badezimmer war mit Nebelschwaden durchzogen. Mit dem Handtuch säuberte er den Spiegel, dann betrachtete er sich. »Gut siehst du aus«, dachte er. »Fehlt nur noch der Kinderpo im Gesicht.« In langsamen, gleichmäßigen Bahnen befreite er sein Gesicht von den Stoppeln der Nacht. Kein Blut, keine Pickel, keine Schnitte. Perfekt! Der Spiegelschrank öffnete sich, er griff zum alltäglichen Aftershave, drehte den Deckel ab, harrte eine Sekunde inne, drehte den Deckel wieder drauf und stellte die Flasche zurück in den Schrank. Beherzt griff er nach dem Flakon mit dem teuren Duftwasser aus Paris. Handgemachtes für einen besonderen Anlass.

Den Anzug hatte er gestern Abend bereits rausgelegt. Eine Maßkonfektion aus seiner Heimatstadt. Nicht so edel wie der Zwirn eines Herrenschneiders, aber immer noch eine Maßanfertigung. Dazu ein gutes Hemd und eine Seidenkrawatte. So ausgiebig wie die letzten Tage war das Frühstück nicht, denn der Termin löste einen gewissen Druck bei ihm aus. Sowohl zeitlich als auch in der Magengegend. Ein Blick auf die Armbanduhr. Viel braucht er ja nicht mitzunehmen. Schlüssel, Handy und die Bewerbungunterlagen: nochmals die Kopien seiner Abschlüsse und Auszeichnungen, aber eigentlich hatten die ja schon alles bekommen. Ein letzter Blick in den Spiegel im Flur. Krawatte war gerade, Kinderpo im Gesicht, Schuhe sauber, die Haltung aufrecht. So konnte es losgehen.

Auch wenn er nicht in Eile war, die vier Stockwerke nahm er dynamisch und schnell. Auf den letzten Stufen angekommen, sah er eine ältere Dame an der Haustür, die gerade das Haus verließ. Um diese nicht mit der Schnelligkeit der Jugend zu irritieren und auch einen guten Eindruck bei der neuen Nachbarin zu hinterlassen, bremste er sofort ab. Die letzten Stufen nahm er anständig und in gesitteter Geschwindigkeit.

Freundlich begegnete er der Dame mit einem: »Guten Morgen!« Ein wenig erschrocken drehte sie sich um und schaute ihm in die Augen. »Ich bin der neue aus dem 4. OG. Schön Sie kennenzulernen.« Ohne seinen Gruß zu erwidern, drehte sich die Dame zur Haustür. Sie öffnete sie weit genug, um hindurchzuhuschen und lies die Tür hinter sich wieder ins Schloss gleiten. Seine Schritte beschleunigten in Richtung Haustür. Auf dem Bürgersteig sah er die Dame in Richtung Innenstadt gehen. Der Geldautomat lag in der anderen Richtung.

Ein starrer Blick auf die Symbolik über dem Kartenschlitz an der Eingangstür, ein konzentriertes Schauen auf seine Karte. Die Karte glitt in den Schlitz und der Summer, der die Tür öffnet, summte. Eine junge Mutter mit einem Mädchen kam ihm entgegen. Das Kind mag um die drei Jahre alt gewesen sein und starrte ihn stechend an. Ein breites Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit. »Hallo kleine Dame.« Die Mutter schaute ihn nur aus dem Augenwinkel an, ging zügig einen Schritt vor ihre Tochter, legte eine Hand in ihren Rücken und schob sie langsam aber sicher in Richtung Ausgang. Das Mädchen mit den Pipi-Langstrumpf-Zöpfen löste seinen Blick nicht. Die Mutter vermied jeglichen Augenkontakt mit ihm. Auf dem Weg zum Geldautomaten drehte er sich nochmals um, lächelte und zwinkerte dem Mädchen zu. Dieses zwinkerte zurück und grinste breit. Als der Automat das Geld ausspuckte, warf er einen Blick auf seine Uhr. Sie verrat ihm, dass er sich sputen musste, um den Bus zu bekommen.

Forschen Schrittes ging er in die Richtung der nächsten Bushaltestelle. Sein Bus sollte erst in 4 Minuten kommen, es stand aber schon ein Bus in der Haltebucht. Der letzte wartende Fahrgast stieg gerade die Stufen hoch. Kurzentschlossen rannte er im Laufschritt auf den Bus zu. Ein paar Minuten eher da zu sein, kann ja nicht schaden.

Durch den Außenspiegel nahm der Busfahrer Blickkontakt auf. Ein Lächeln war erkennbar. Mit trippelnden Schritten bremste er vor der Tür des Buses ab, als das typische Geräusch zum Schließen der Tür erklang. Direkt vor seiner Nase berührten sich die Gummilippen der Flügel. Freundlich, aber bestimmend, klopfte er an die Scheibe der Tür. Langsam wendete sich der Busfahrer ihm zu, grinste ihn an und zeigte ihm demonstrativ seine Armbanduhr. Der Bus entfernte sich von der Haltestelle. Die Passagiere blickten aus den Fenstern und beobachteten den Stehengelassenen.

Kleine Tropfen trafen ihn an der Nase. Um nicht durchnässt zu einem Vorstellungsgespräch zu kommen, stellte er sich unter den Unterstand. Langsam kamen weitere Fahrgäste. Sie hielten sich außerhalb des Unterstandes auf und blieben im Regen stehen.

Der Bus fuhr langsam in die Bucht, die im Regen Wartenden stiegen ein. Er war der letzte Fahrgast. Er teilte dem Busfahrer mit, zu welcher Station er gefahren werden wollte. Der Busfahrer nuschelte sich etwas in den Bart. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er, als er den Fünfziger aus seinem Portemonnaie zieht, »aber leider habe ich es nicht kleiner.« Die Mine das Busfahrers änderte sich schlagartig von einem neutralen auf einen genervten Status. Eine gefühlte halbe Ewigkeit starrte der Busfahrer in seine Augen. Ein langsamer Augenaufschlag löste die Starre und ließ den brummeligen Alten zum Mikrofon greifen.

»Sehr geehrte Fahrgäste, die Weiterfahrt verzögert sich um einige Minuten, weil der Herr hier nicht in der Lage ist, passendes Kleingeld bereitzuhalten.« Er spürte, wie sich 27 Augenpaare auf ihn fixierten. Jedes einzelne geladen mit einer Portion Vorwurf und sarkastischem Dank.

Der Busfahrer stand behände auf, griff auf die Ablage über ihm und holte eine kleine Schachtel heraus. Gelassen und ruhig zählte er einige Scheine ab, legte diese auf die Kassenvorrichtung, schloss den Deckel der Schachtel, stellte diese auf den Platz zurück und setzte sich wieder. Seine Hand griff zu dem Bündel Scheinen. Er begann sie abzuzählen und hielt sie dem neuen Fahrgast hin. Konzentriert drückte der Busfahrer die Hebel am Rückgeldautomaten, so dass das Rückgeld in den Münzbehälter rutschte. Nun erfolgte nur noch die Eingabe in den Fahrscheindruckautomaten und der Fahrschein konnte dem Fahrgast übergeben werden. »Vielen Dank!«

Der Busfahrer schaute ihn weiterhin stechend an. Der Bus fuhr an. Mit Geldscheinen, Münzen und Fahrschein bewaffnet torkelte er durch den fahrenden Bus. Die Augenpaare hatten sich, bis auf wenige Ausnahmen, noch immer nicht von ihrer Fixierung gelöst.

Ein freier Sitzplatz strahlte ihn an. Der Bus fuhr in eine Kurve und von der Fliehkraft wurde er quasi auf den freien Sitz katapultiert. Durch den Schwung setzte er sich auf einen Teil der Jacke des älteren Herrn neben ihm. Dieser baute sich auf und zog demonstrativ seine Jacke unter dem fremden Hintern weg. »Pass doch auf wo Du dich hinsetzt«, raunt der alte Mann zu seinem neuen Sitznachbarn. »Du hast doch auch Augen im Kopf!« »Entschuldigen Sie bitte, ich bin durch die Kurve…«, weiter kam die Entschuldigung nicht. Der ältere Mann stand verärgert auf und stellte sich demonstrativ vor den Bereich der Tür. Beim Vorbeigehen trat er, beinahe zufällig, auf die frisch geputzten Schuhe. Jedes Wort der Entschuldigung fehlte. Es schien nur Dreck an der Oberfläche zu sein. Er rieb den Schuh am Hosenbein der Wade, um den alten Glanz wieder hervorzuholen. Verträumt schweifte sein Blick aus dem Fenster. Die nasse Straße, das trübe Wetter, die hetzenden Menschen. Irgendwie konnte das einen schon depressiv machen.

Von der Bushaltestelle war es nicht weit zum Bürogebäude, in dem das Vorstellungsgespräch stattfand. Das Gebäude machte einen sehr modernen und funktionellen Eindruck.  Als er durch die Tür trat, wurde sofort der Portier auf ihn aufmerksam. Er winkte und rief quer durch die Empfangshalle: »Endlich kommt ein Neuer, hier sieht es ja auch schon überall aus wie Sau.« Sich umschauend, ging er auf die Kabine des Portiers zu. »Entschuldigung?« »Ja, wie siehst Du denn aus? So chic war hier noch keiner, der sich auf den Job beworben hat. Aber wird auch Zeit, dass die Mädels mal Verstärkung bekommen.« »Ich verstehe nicht ganz.« Verstört holte er aus seinen Unterlagen die Einladung für das Vorstellungsgespräch hervor. Auf dem Briefbogen prangte in großen Lettern „WOC-CONSULTING“. Der Portier schielte mit einem Augen auf den Briefkopf. »Können Sie mir bitte mitteilen wo sich die Firma „WOC-CONSULTING“ befindet?« Verdutzt und offensichtlich peinlich berührt,  zeigte der Portier auf den Fahrstuhl. »2. OG, dann links – Raum: 2.110 – Sie werden erwartet.«

Zaghaft klopfte er an die Tür. Eine freundliche Männerstimme rief: »Herein.« Seine Hände waren kalt und nass, die Knie ein wenig weich und wieder spürte er den Druck in der Magengegend. Langsam atmete er dreimal durch. Diese Stelle könnte sein Leben verändern. Endlich ankommen, vielleicht eine Familie gründen, ein kleines Eigenheim. »Sie dürfen gerne herein kommen«, weckte ihn eine Stimme aus dem Tagtraum. Die Klinke wurde von der eiskalten Hand gedrückt, die Tür öffnete sich. Er sah einen Mann aus dem Fenster schauen. Er hatte ein Mobiltelefon in der Hand und schien, zu telefonieren. »Nehmen Sie ruhig Platz«, rief er durch den Raum, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen. Völlig unerwartet sagte er: »Okay Schatz, mein Termin ist da, ich rufe Dich später nochmal an.« Im Umdrehen begrüßte er seinen Gast: »Herzlich Willkommen bei WOC-CONSULTING, ich freue mich Sie begrüßen zu dürfen Herr…«, er vertummte mitten im Satz, als er seinen Gast erblickte.

Die gesamte Dynamik, die den Herrn bisher ausgemacht hatte, verschwand. Die Arme hingen links und rechts am Körper herunter. Sein Telefon glitt langsam und lautlos aus seiner Hand auf den Schreibtisch. In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein anderer Mann betrat den Raum. Dieser Schritt sofort auf den erstarrten Mann zu, klopfte ihm auf die Schulter und fragte: »Na, ist der Bewerber schon da?« Er nickte. Die Starre löste sich und beide Männer gingen auf den Tisch zu, an dem der Bewerber Platz genommen hatte. Sie setzten sich zu ihm und stellten sich vor.

»Ja, haben Sie schon mal in einem so großen Betrieb gearbeitet?«

»Nein, bisher noch nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, hier zu arbeiten. Ich habe meinen Abschluss an der Uni exakt in dem Themenbereich gemacht, in dem Sie…«, weiter kam er nicht. Er wurde unterbrochen.

»Das ist schade, wir brauchen unbedingt jemanden mit Erfahrungen auf dem Gebiet.«

»Oh ja, die habe ich ja!«, erholte einige Zettel aus seinen Unterlagen. »Meine letzte Forschungsarbeit, die in diesem Jahr ausgezeichnet wurde, zeigt ja besonders…«

»Praktische Erfahrungen — Theoretiker können wir nicht gebrauchen!« Der später dazugekommene Mann stand auf und reichte dem Bewerber die Hand. »Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.«

»Aber es war doch aus meinen Unterlagen, die ich ihnen geschickt habe, ersichtlich, dass ich noch nicht so viel Berufserfahrung habe.«, versuchte er die Situation noch zu retten. Er sah nur noch den Rücken des Mannes auf dem Weg raus aus dem Büro. Der andere Mann stand nun auch auf. Er verzog das Gesicht und zuckte mit den Achseln, als wollte er sagen: ›Er ist der Boss, ich bin nur eine kleine Leuchte…‹.

Dann streckte er die Hand aus und sagte: »Da scheinen wir ihre Unterlagen nicht genau gelesen zu haben. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und weiterhin viel Erfolg bei der Suche nach einem Job.« Das Gespräch war beendet.

An die Rückfahrt nach Hause konnte er sich nicht mehr erinnern, er war wie benebelt. Fest hatte er damit gerechnet, die Stelle zu bekommen. Alles passte so gut zusammen. »Aber gut, vielleicht brauchen die wirklichen einen mit praktischen Erfahrungen und haben meine Bewerbung nur überflogen«, dachte er, als er die Wohnungstür aufschloss.

»Na, wie war’s?«, schrie sie als sie die Tür hörte. »Wie war dein Vorstellungsgespräch?« Sie kam in den Flur gerannt.

»Ich habe keine praktische Erfahrungen, darum stellen die mich nicht ein.«

Das hoffnungsvolle Strahlen wich aus Ihrem Gesicht. Das Spültuch in ihrer linken Hand ließ sie zu Boden fallen. Versteinert schaute sie ihm in die Augen. Die Zeit fror ein.

»Die Arschlöcher! Das ist doch nur eine scheinheilige Ausrede!«

»Nein, nein! Das stimmt nicht. Die waren wirklich nett. Und ich kann auch verstehen, dass ein solches Unternehmen Leute haben will, die wissen, wie das Geschäft läuft.«

»Aber das weißt DU doch. Du hast als Jahrgangsbester abgeschlossen, deine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. Du bist ein Spezialist. Das sind rassistische Arschgeigen, das ist alles.«, wütend trat sie gegen den Schrank im Flur.

»Wir hätten hier nicht hinziehen dürfen«, flüsterte sie weinerlich. Sie ging auf ihn zu, gab ihm einen Kuss, nahm ihn besorgt in den Arm und hauchte liebevoll, mit einem sich entschuldigenden Unterton: »Und? Wie war Dein Tag sonst? Gab es sonst irgendwelche Probleme?«

»Nein, war alles gut!«

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Hans-Peter Schumann

treppeDer schrille Ton der Schulklingel ertönte. Alle nahmen ruhig ihre Taschen auf und machten sich langsam und in aller Ruhe auf in die Klassenräume. Hans-Peter war natürlich schon auf dem Weg in die 10c. Als er gerade in das Treppenhaus abbog, hörte er von hinten seine Kollegen spotten: »Hannes, viel Spaß in der 10c. Die sind heute wieder suuuper drauf.« Hans-Peter drehte sich nicht um. Er hob nur dankend den Arm und schritt die Stufen hinauf. Als er den Flur betrat, hörte er schon die  10c. Lautes, pubertäres Gejohle, Gekichere und albere Geräusche. Tische verrückten, Stühle fielen. »Wie sollten diese Gestalten bloß irgendwann im Arbeitsleben klarkommen? Die Schule kann eben nicht die Arbeit des Elternhauses übernehmen.« Die Tür war nur angelehnt. Er ruhte einen Moment, bevor der die Tür mit Schwung aufriss und in den Klassenraum marschierte.

Der Fuß hatte den Boden des Klassenraums noch nicht berührt, da waren die Schülerinnen und Schüler bereits ruhig und gingen zügig auf ihre Plätze. Seine Tasche landete neben dem Pult. Mit routinierten Griffen, holte er seine Unterlagen aus der Tasche, ließ sie auf das Pult fallen und wünschte der Klasse einen guten Morgen. Diese erwiderte, wie man es aus alten Filmen kennt: »Guten Morgen Herr Schumann…« Er hatte die Klasse im Griff.

»Lest bitte den Text auf Seite 35. Beantwortet dann die Fragen, die unter dem Text stehen. Dafür habt ihr 10 Minuten Zeit. Danach bildet ihr 4er-Gruppen. Dort tauscht ihr Euch über die Fragen aus. Bereitet einen Kurzvortrag vor, der die Inhalte wieder gibt. Dafür habt ihr 20 Minuten Zeit. Wer das Ganze vortragen wird, entscheidet das Los. Der Vortrag wird bewertet«, klare und komplexe Instruktionen waren die Schülerinnen und Schüler bei ihm gewohnt. Sofort begannen sie, konzentriert zu arbeiten.

Nach 10 Minuten rief Hans-Peter in die Klasse: »Ihr könnt nun beginnen, Euch in der Gruppe auszutauschen.« Die Schülerinnen und Schüler fanden sich in Gruppen zusammen und diskutierten. Auch wenn nun alle Schülerinnen und Schüler am Unterricht beteiligt waren, verlief alles sehr ruhig.

Hans-Peter begann seine Aufzeichnungen durchzusehen und startete damit, den Unterricht des nächsten Tages vorzubereiten. Langsam erhöhte sich der Geräuschpegel in einer von Jungen dominierten Gruppe. Es wurde gelacht, geprustet und schlussendlich auch geschrien.

Hans-Peter ging das eindeutig zu weit. Er wollte seinen Stuhl nach hinten schieben, um die Störenden zu ermahnen. Der Stuhl bewegte sich aber keinen Zentimeter. Mit mehr Kraft drückte er vergebens gegen das Pult. Er beugte sich runter, um nachzusehen, was mit dem Stuhl los war.

Dabei erhöhte und veränderte sich der Geräuschpegel schlagartig und er schaute in ein Englischbuch. Das war sein Englischbuch aus der 7. Klasse. In dem Buch lag eine aufgerissene Tüte *Ahoi-Brause*. Waldmeister-Geschmack. Im Hintergrund hörte er seinen alten Englischlehrer, Herrn Blume, sprechen.

Riko, der neben ihm saß, erzählte im lachenden Ton: »Alter… Waldmeister geht normal ab! Du muss‘ ma‘ Zitrone nehmen! Das ballert Dir alles wech! Da is‘ Zitronensäure drinne.«
Auch wenn er es in dieser Situation nicht wollte, beugte er sich zum Buch hinunter und zog sich den kleinen separat liegenden Haufen *Ahoi-Brause – Waldmeister* durch das linke Nasenloch. Sofort begann die Brause zu brausen. Ein ungeheures Kribbeln kroch in seiner Nase hoch. Riko hielt sich seine Hände vor das Gesicht. Er prustete in seine Hände und musste lauthals lachen. Er beherrschte sich aber, um nicht den Englischunterricht zu sprengen. Hans-Peter kämpfte mit einem Nieser, der sich langsam, aber äußerst deutlich ankündigte.  Der Vulkan in seiner Nase stand kurz vor dem Ausbruch. Er schmiss seinen Kopf in den Nacken und rotzte eine Mischung aus *Ahoi-Brause* und Schnodder auf Rikos Englischbuch. Beide fingen lauthals an, zu lachen. Herr Blume lief rot an, nahm die beiden ins Vesier und schrie: »Hans-Peter!!! Riko!!! Seid ihr bescheuert?!« Hans-Peter schlug mit dem Kopf auf den Tisch, gröhlte und schlug mit der Faust neben seinem Kopf auf den Tisch… Beherrschung war in dieser Situation ein Fremdwort.

Als er sich wieder aufrichtete, um Herrn Blume entgegenzutreten, stand er vor einer Klasse. Orientierungslos schaute Hans-Peter sich um. Hinter ihm eine Folie an die Wand projiziert, die Adolf Hitler zeigt. Neben ihm saß Frau Krowaski, seine Geschichtslehrerin der 10. Klasse. Sein Brustkorb weitete sich. Luft im Magen suchte den Weg nach oben. Dumpfe Schläge in seinem Kopf hämmerten und machten ein logisches Denken unmöglich. »Hans-Peter, bitte fangen Sie an«, hörte man die schrille Stimme von Frau Krowaski. Die Stimme zirpte in seinen Ohren. Wieder kündigte sich die Luft an, die sich unaufhaltsam den Weg in die Freiheit suchte. »Also, Adolf hatte halt `nen Schäfer…«, weiter kam er nicht. Die Luft im Magen war stärker. Sie überschritt die Schwelle zum Mundraum und hinterließ mit einem tiefen Vibrieren den Geruch von Dosenbier und Jägermeister im Klassenraum.

Die Schülerinnen und Schüler der Klasse fingen an zu schmunzeln und zu kichern. »…hund. Also, Schäferhund… Den hat er echt voll geliebt. Also, der mochte den total.« Hans-Peter war bewusst, was für einen Unsinn er von sich gab, konnte der Situation aber nicht entfliehen. »Der hat auch immer was zu fressen bekommen und so.« Wieder spürte Hans-Peter einen Druck in der Speiseröhre. Dieses mal bahnte sich keine Luft den Weg, sondern ein Brei aus Jägermeister, Köpi, Kleiner Feigling und Dosen-Ravioli. Der Versuch, sich darauf zu konzentrieren den Schwall Halbverdautes nicht vor der Klasse zu präsentieren, scheiterte. Hans-Peter spürte, wie sich der Mundraum füllte und die Massen nicht zu halten war. Durch Nase und Mund suchte sich der Mageninhalt seinen Weg. Die Klasse schrie. Die Mädchen fingen gleichwohl an zu würgen und die Jungens in der letzten Reihe lachten sich kaputt. Hans-Peter viel auf die Knie. Er spürte, wie seine Hose an den Stellen, an denen sie den Boden berührte, durch eindringende Nässe feucht wurde. Die Peinlichkeit dieses Augenblicks entstand langsam und überlagerte das dumpfe Gefühl in seinem Kopf. Während sich der Kopf senkte, schlossen sich die Augen und er wünschte sich an einen anderen Ort. Es vergang eine gefühlte Ewigkeit. Als er bereit war, sich der Schmach zu stellen, waren auch seine Augen wieder bereit, den Hohn seiner Mitschüler zu empfangen und öffneten sich.

Er stand vor der 10c – seiner Klasse. Die Schülerinnen und Schüler starrten ihn an: »Herr Schumann… Alles in Ordnung?!« Hans-Peter nahm seine Hände hoch, schaute sie sich von beiden Seiten an und guckte in die Klasse. Sein Gesicht überzog ein breites Grinsen: »Kinnas, alles in bester Ordnung… « Mit wippenden, fast rhythmischen Schritten ging er zum Pult. Setzte sich. Lehnte sich mit den Ellbogen auf das Pult. Legte die rechte Faust in die linke Hand und stützte mit den Händen sein Kinn. Ein Rundumblick durch die Klasse endete auf der Gruppen Jungs, die ihn auch wortlos anstarrte. Immer noch verweilte das breite Grinsen auf seinen Lippen. Mit leichtem Kopfnicken brummte er zur Klasse: »Weitermachen… Einfach weitermachen!«

Hans-Peter_Schumann-Marcel_Spitau-2015 zum Herunterladen als PDF

Es ist kalt

friedhof

Ich weiß, dass ich nicht mehr lange unter meinen Lieben verweilen werde. Die Tage im Krankenhaus haben mich geschwächt. Nach und nach entweicht die Lebenskraft aus meinem Körper. Jeder Atemzug wird schwerer und schwerer. Ich spüre, wie Annette meine Hand hält und ihre Tränen meine Finger hinunter fließen.

Da war es wieder – das Drücken am ganzen Körper. Es ist stärker geworden. Die Frequenz scheint sich zu erhöhen. Das Pochen aus der Ferne beschleunigt. Ich warte auf das nächste Drücken. Die gefühlte Schwerelosigkeit der letzten Wochen nimmt ab. Die Schwerkraft übernimmt. Das Drücken ist nun noch heftiger. Zwei Kräfte wirken auf mich. Die Schwerkraft und der Druck aus allen Richtungen auf meinen gesamten Körper.

Ich höre Annette weinen: »Leb wohl.« Es schmerzt, ihr nicht antworten zu können. Langsam schließe ich meine Augen. Sie erblicken das letzte mal Annette. Noch spüre ich ihre Hand und wie sie laut weinend ihren Kopf auf meine Brust legt.

Volles Bewusstsein über das Sein, den Sinn des Lebens und alles darüber hinaus erschließt sich mir in Bruchteilen von Sekunden und ist so präsent als sei es nie vergessen gewesenen. Der Kosmos ist eins mit mir und bietet mir ungeahnte Möglichkeiten. Ich entscheide.

Ich höre unbekannte Stimmen, fremde Sprachen. Ernste Worte. Ruhige Worte. Laute Worte. Der Druck erhöht sich wieder. Mein Kopf wird eingequetscht. Mein Schädel verformt sich. Ein Stirnband aus Druck legt sich um ihn. Ruhe. Stille. Nur Druck! Mein Körper wird vorwärts gedrückt. Das Band legt sich über Augen, Nase, Mund, Kinn. Nun schmiegt es sich um meinen Hals. Keine Beklemmung oder Atemnot. Es wird hell. Durch meine geschlossenen Augen nehme ich tausend Sonnen war. Ich verhalte mich ruhig. Die Augen geschlossen. Keine Atmung. Keine Panik. Ruhe in jedem Moment.

Ich spüre einen anderen, kälteren Druck unter meinem Kinn. Mit den wiederkehrenden Pressungen meines Körpers, werde ich am Kinn gezogen. Mit einem Mal ist es kalt. Ich weiß, ich habe es so verdient und es mir ausgesucht. Das hier ist ein Anfang.

Indem ich bewusst und ohne Zwang alle meine Kraft zusammennehme und ein weiteres Mal einen tiefen ersten Atemzug nehme, beginne ich mein neues Leben.

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