Lehrer(in) – Leider geil // Der Strukturgeber

Lehrer(in) ist der beste Beruf der Welt.

Das ist ein Statement, dass ich immer wieder in der Öffentlichkeit vertrete.1 In den meisten Fällen wird diese Aussage abgenickt und die Gesprächspartner denken sich ihren Teil. Nun fragte mich aber ein Teilnehmer eines Seminars, warum ich das so sehen würde. Meine 50 Cent zu dem Thema möchte ich Dir hier vorstellen, denn ich bin fest davon überzeugt, dass wir etwas verändern können.

In dieser Serie werden drei Aspekte des Lehrerdaseins thematisiert, die alle auf ein ähnliches Ziel steuern. Heute: Der Stukturgeber.

Der Strukturengeber

In Schule gibt immer mal wieder Kurse, die den Schülerinnen und Schülern zeigen sollen, wie man lernt zu lernen. Ich mag diese Begrifflichkeit nicht. Der Mensch muss nicht lernen zu lernen – er kann lernen. Das Gehirn ist dazu da, um zu lernen und das macht es gut und effizient. Was dieses Lernen lernen meint, ist in der Regel nichts anderes, als Methoden kennenzulernen, sich theoretisches Wissen in den Kopf zu prügeln und es dann in der Klausur hinzuschreiben und kurz danach wieder zu vergessen. Das viel zitierte Bulemielernen.

Vielleicht wissen die Kolleginnen und Kollegen auch, dass diese Art der Lerntechniken kein echtes Lernen bewirken, aber diese Wochen werden trotzdem durchgeführt, denn immerhin steht die eigene Schule doch für das Credo des „lebenslangen Lernens“. Und hier nochmal die Frage, die ich Dir schon im Abschnitt „Das Vorbild“ gestellt habe: Wann hast Du das letzte mal etwas echtes Neues aktiv gelernt?

Das Vergessen des Bulemielernens nach der Klausur passiert nur, weil die Sachverhalte nicht gelernt wurden, sondern ins Kurzzeitgedächtnis gespeichert wurden, man sich träges Wissen hingeprügelt hat, man keinen persönlichen Bezug zum Lernstoff hatte und in der Regel das Wesentliche des Lernstoffes nicht erkannt hat.

Die Welt erkennen lernen

Beim echten Lernen geht es also weniger um Faktenwissen und Vokabeln lernen, sondern einzig darum, Strukturen der Welt zu erkennen und diese für sich nutzbar zu machen. Wenn ich diese dann erklären muss, darüber sprechen darf oder sogar anwende, dann erlernt man die Fachbegriffe und das sogenannte träge Wissen quasi beiläufig – in dem man es anwendet.

Ein Werkzeugkasten für das Gehirn

Die Schülerinnen und Schüler brauchen also Methoden und Instrumente, die helfen, sich selbst mit dem Lernstoff auseinander zusetzen. Hier geht es nicht um das ineffiziente Anstreichen von „wichtigen“ Textstellen, sondern um das Bilden von Strukturen und Einbetten des neuen Stoffes in die Erfahrungen der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Das Problem ist, dass dieses zwar an Schule und in Unterricht hier und da passiert, aber leider nur selten und nicht systematisch.

Die Schülerinnen und Schüler erreichen durch Versuch und Irrtum ihre eigenen, in der Regel selten effektiven, Strukturierungsmöglichkeiten von Lernstoff. Wenn dann Lehrpersonen sich die Mühe machen, Techniken darzustellen, dann handelt es sich in der Regel um die Lieblingsinstrumente der Lehrperson und es bleibt häufig beim einmaligen Ausprobieren. Selten finden gute Reflexion der Instrumente statt und die Schülerinnen und Schüler haben zwar etwas Neues kennengelernt, haben aber keine Ahnung, wie sie diese Technik in Ihren Alltag integrieren sollen und können.

Unbewusstes bewusst machen.

Wenn nun die Schülerinnen und Schüler im Unterricht das träge Wissen beiläufig mitnehmen und sich das Wesentliche des Lernstoffes erschließen, dann ist es von Vorteil, wenn man diese Beiläufigkeit ins Bewusstsein hebt. Dadurch wird es noch deutlicher beim Lernenden verankert. Damit ich Muster und Strukturen erkennen kann, muss ich über mich und das Erlernte reflektieren. Dabei ist es egal, um welche Bereiche des Gelernten es sich handelt: Vokabeln in Englisch, Interpretationen in Deutsch, Beratungsgespräche in Lernfeld 2 etc.

Immer und überall sollen Kompetenzen gefördert werden und das bekomme ich nur hin, wenn ich als Lehrperson die Möglichkeiten schaffe, dass sich jeder Schüler und jede Schülerin mit sich selbst beschäftigt, den Lernstoff für sich aufbereitet und für sich das Wesentliche filtert. Da ich aus der beruflichen Bildung komme und die Schülerinnen und Schüler zumeist freiwillig auf dieser Schule sind, ist die Schnittmenge für die Schülerinnen und Schüler, was das Wesentliche für das Individuum ist, recht groß. Wir haben somit eine große Basis der Intersubjektivität auf die immer wieder aufgebaut und Bezug genommen werden kann.

Das echte lebenslange Lernen

Ich kann als Lehrperson also die Basis für echtes lebenslanges Lernen legen, in dem die Schülerinnen und Schüler erfahren, dass Lernen ein hoch individueller Prozess ist und sie Methoden und Instrumente kennenlernen, mit denen sie sich selbst entdecken können und Möglichkeiten wahrnehmen, sich zu verändern. Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler erfahren, dass es ein indivueller Prozess ist, es reicht nicht, wenn Du es Ihnen sagst und eine Standpauke zum sozialen Miteinander hältst. Der Lernprozess muss den Lernenden transparent gemacht werden.

Auch wenn Du das obige beherzigst, heißt es nicht, dass die Schülerinnen und Schüler alles bessere Menschen werden und als Engelein die Schule verlassen. Auch hier geht es wieder nur darum, Dinge zu erfahren, die man unter Umständen in weiteren Leben nutzen kann, wenn man auf sie zurückgreift.

  1. Auch wenn ich das gerne umgehend wieder relativiere, denn der beste Beruf ist Studienleiter 😉 – sonst wäre ich ja nicht hauptberuflich in diese Richtung gewechselt. []

Autor: MAWSpitau

Das wichtigste im Leben ist die Zeit. Leben heißt, mit der Zeit richtig umgehen.

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