Verantwortung muss man abgeben können

Wer trägt eigentlich die Verantwortung für den Lernerfolg jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin?

  • Die Lehrperson? – Die wird ja schließlich fürstlich entlohnt!
  • Die Eltern? – Die müssen den Zöglingen mal klar machen, dass Sie was lernen müssen!
  • Die Gesellschaft? – Die ist sowieso Schuld! An allem!
  • Das Internet? – Facebook ist böse und google auch! Da findet mal so viel!

Ich finde in der obigen Aufzählung keinen Schuldigen. Die Verantwortung trägt der Lernende selbst. Was im Hobby oder der Fahrschule klar wie Kloßbrühe ist, ist in der Schule von einer Holschuld zur Bringschuld geworden.

Damit dem Lernenden in der Schule klar wird, dass er die Verantwortung trägt, muss es mindestens einer anderen Person im Raum auch klar sein: der Lehrperson. Wenn diese sich nicht darüber im Klaren ist, dass sie niemandem Wissen übertragen kann, sondern dieses immer und immer wieder bei dem einzelnen Lernenden neu entwickelt werden muss und der Lernende die Verantwortung dafür trägt, dann kann der Lernende das auch nicht wahrnehmen.

Sicherlich werden viele Kolleginnen und Kollegen die letzten Sätze abnicken. Leider sind das häufig Lippenbekenntnisse, denn wenn man im Unterricht mal Mäuschen spielt, dann können sich solche Szenen abspielen:

Könnt ihr mal zuhören…

Laura! Luisa! Könnt ihr da hinten mal zuhören, der Torben will etwas sagen…

Eine solche oder eine so ähnliche Phrase kommt doch sicherlich das ein oder andere mal in einem durchschnittlichen Unterricht des häufigeren vor. Mit diesen Formulierungen stehe ich auf Kriegsfuß, denn man schenkt dem unerwünschten Verhalten seine Aufmerksamkeit:

  1. Aufmerksamkeit bekommt nicht Torben, der eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte – der wird zur Nebensache.
  2. Ins Rampenlicht kommen die, die vermeintlich stören.
  3. Die, die noch nicht mitbekommen haben, dass Laura und Luisa stören, haben es jetzt mitbekommen und müssen mal gucken, was da los ist.
  4. Ob Laura und Luisa, nur weil sie sich jetzt zusammenreißen, Torben wirklich zuhören, dass weiß keiner und ist ehrlich gesagt auch nicht relevant.
  5. Die Lehrperson will, dass die Schülerinnen und Schüler zuhören, damit sie ihren Job gut macht.

Die Verantwortung für das Lernen ist in diesem Beispiel nicht oder noch nicht bei den Schülerinnen und Schülern angekommen. Wie kann man es erreichen, dass es bei den Schülerinnen und Schüler ankommt? Ich für meinen Teil sage es ihnen. Meine erste Regel im Unterricht lautet:

„Ich bin für meinen Lernerfolg selbst verantwortlich.“

Ich als Lehrperson bereite meinen Unterricht bestmöglich vor, so dass Lernen gelingen kann. Die Schülerinnen und Schüler müssen dann ihr Übriges tun. Sicherlich ist das eine stark vereinfachte Darstellung der Problematik, jedoch in der Reduktion richtig und wichtig.

Meine erste Regel impliziert auch, dass wenn ich als Schüler mal1 keinen Bock habe zu lernen, dann ist das so! Somit muss ich als Lehrperson damit leben, dass es im Leben der anderen Menschen auch mal wichtigeres gibt, als die Anagen-, Katagen- und Telogenphase des Haarwachstums.

Das Einzige, was ich nicht dulde, ist, wenn andere Schülerinnen und Schüler gestört werden und am Unterricht nicht oder nicht so, wie sie es sich wünschen, teilnehmen können. Somit ist meine zweite Regel:

„Wenn jemand in meiner Lerngruppe spricht, bin ich still.“

Als Lerngruppe ist alles definiert, in dem sich Schülerinnen und Schüler zusammenfinden können. Das kann sowohl der Klassenverband, als auch eine Kleingruppe oder eine Partnerphase sein. Mit still wird deutlich, dass es nicht nur darum geht, nichts zu sagen, sondern auch das Papier ruhig liegen zu lassen, die Jacke im Moment anzubehalten etc.

Die Idee hinter der Regel ist, dass ich nicht sage (und auch nicht meine), alle sollen zuhören und etwas lernen. Es soll nur die Atmosphäre geschaffen werden, in der die Lernenden sich gegenseitig zuhören können, ob sie es wirklich tun, liegt eben in deren Verantwortungsbereich. So kommt es dann vor, dass eine Schülerin oder ein Schüler in einer Plenumsphase etwas sagen möchte und andere Nebengespräche führen. In der Situation bitte ich den Lernenden, der etwas sagen möchte, noch einen Moment zu warten, bis alle still sind. Mein Augenkontakt und meine Körpersprache ist in diesem Moment einzig auf den Lernenden gerichtet, der etwas sagen möchte. Aufmerksamkeit bekommt somit derjenige, der etwas leisten möchte, nicht die, die stören – also weg von der Defizitorientierung!

Es gibt weitere Phasen, in der Stille herrscht:

„Einzelarbeit ist Stillarbeit.“

Ja, das hört sich an, wie aus dem letzten Jahrhundert. Bloß ruhig sein und keine Widerworte geben 😉 Für den individuellen Lernerfolg der Lernenden ist es unumgänglich, dass sie sich alleine mit Themen, Texten, Ideen, Fragestellungen befassen. Dieses muss in Stille geschehen, damit alle die gleichen Bedingungen vorfinden,2 sich wohl zu fühlen. Zu schnell werden Lernende von anderen Lernenden abgelenkt. Daher bin ich ein Verfechter der echten Stillarbeit.

Das ist in meinen Augen nur möglich, wenn die Lernenden wissen, was nach dieser Phase passiert. Sie können sich in der Regel nach dieser Phase zu dem Thema austauschen und kommen in einen Diskurs, ohne dass ich als Lehrperson nachfrage, was Sie denn gerade gemacht und / oder gelernt haben. Erst, wenn sie sich eine Sicherheit bei Ihren Mitlernenden geholt haben, dann können Fragen und Unklarheiten im Plenum besprochen werden.

Und schon kommen wir zur effizienten Zeitnutzung:

„Ich erledige meine Aufgaben sofort und so gut ich kann.“

Marcel Du musst die Schülerinnen und Schüler zum Arbeiten bekommen. Dafür wirst Du bezahlt – und gar nicht so schlecht.

Worte meines Mentors im Referendariat und so unrecht hat er da nicht. Die Zeit im Unterricht sollte weder von Schülerinnen und Schülern noch von den Lehrpersonen verplempert werden. Sicherlich gibt es interessante Anekdoten, weicht vom Thema ab oder erzählt von seiner eigenen 0Ausbildungszeit. Wenn es aber wieder weitergeht, muss klar sein: Die Arbeit geht weiter. Aus diesem Grund gibt es in der Klasse, die ich momentan Unterrichte, die oben genannte Regel.

Die Regeln haben sich in meiner Klasse bewährt und werden von den Lernenden verstanden. Natürlich sind diese Regeln nicht in allen Klassen und Bildungsgängen sinnvoll. Dennoch zeigen Sie auf, wer hier eigentlich etwas lernen soll und wie das in diesem Kollektiv, in der wir in Schule arbeiten müssen gelingen kann.

Die Schritte zum Lernerfolg können natürlich von Lehrperson zu Lehrperson der Lerngruppe angepasst werden.

Download “Meine Schritte zum Lernerfolg” 2017-02-08-MeineSchritteZumLernerfolg.pdf – 114-mal heruntergeladen – 25 KB

  1. Die Betonung liegt in der Tat auf mal. Wenn ein Lernender über Tage oder Wochen Unlust zeigt, dann muss ich natürlich aktiv werden. []
  2. Hin und wieder kann es sein, dass ich Schülerinnen und Schülern erlaube Musik während dieser Phase zu hören. []

Autor: MAWSpitau

Das wichtigste im Leben ist die Zeit. Leben heißt, mit der Zeit richtig umgehen.

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