Gelesen: Der Narr von Eutin – Jürgen Vogler

Veröffentlicht am 3. Februar 2016 um 14:45 Uhr

Dick.
Viel zu Dick.
Und dann ein historischer Roman.Narr

Das sind die Gründe, warum ich mir dieses Buch niemals selbst gekauft hätte. Schade – denn mir wäre eine kurzweilige Geschichte entgangen, die hier in der Gegend spielt und mit den Spielstätten sofort Assoziationen bei mir weckte. Da ich das Buch aber geschenkt bekommen haben, habe ich mich aus Respekt den Schenkenden gegenüber an das „Teufelswerk“ heran getraut. Auch die Begründung der Schenkenden, dass der Titel gut zu meinem im Netz genutzten Avatar passe und unter Umständen in Teilen auch zu meiner Person, weckte Interesse, die es zu stillen galt.

NarrKleinDie Geschichte spielt im 17. Jahrhundert von einem jungem Mann. Martin Seedorf ist Sohn eines Apothekers und hat hin und wieder mal Visionen von Dingen, die in der Zukunft passieren werden. Wer nun einen Roman erwartet, der ins Esoterische abdriftet und sich nur noch mit Hexen, Zauberern, Elfen und Feen beschäftigt, wird enttäuscht – und das ist auch gut so. Ich weiß nicht, ob ich dann tatsächlich weiter gelesen hätte.

Das Buch erzählt eine schöne Geschichte, mit vielen kleinen Details, die sprachlich so verblümt und direkt gleichermaßen sind, dass es einen in den Bann zieht, weiterzulesen. Martin Seedorf hat nicht nur die Gabe hin und wieder die Zukunft zu sehen, sondern ist schnell denkender, sprachlich gewandter und forscher Mann, der es schafft in der Hierarchie des Hofes aufzusteigen und sich einen Namen zu machen. Auch wenn diese Karriere nicht geplant war, erfüllt Martin die Rollen in die er schlüpfen muss hervorragend, ohne sein Wesen zu verändern.

Auch wenn ich bei den ersten Zeilen das Gefühl hatte, der Schreibstil sei ein wenige aufgesetzt, hat mich dieses Gefühl recht schnell verlassen. Ich nehme an, dass es daran lag, dass ich noch nie einen historischen Roman gelesen habe und irgendwie (bitte nicht genauer nachfragen) etwas anderes erwartet habe. Die Geschichte hält alles bereit, was man nur erwarten kann, Keilereien, Übersinnliches, Verschwörungen, Kriminalistik, Komik, etc. Außerdem lagen einige Entwicklungen des Romans auf der Hand und waren nicht weiter überraschend, wie zum Beispiel, dass in einem solchen Buch eine „verbotene Liebe“ nicht fehlen darf, die dem Protagonisten das Leben schwierig macht und ungesetzliche Entscheidungen getroffen werden müssen.

Alles in allem ein gelungenes Geschenk, das mir einige kurzweilige Zeit bescherte, mich in das 17. Jahrhundert katapultierte und mich am Leben der damaligen Bevölkerung hat teilhaben lassen. Fazit: Gute Unterhaltungsliteratur!

Subjektive Note: 2+

Flattr this!

Auch so könnte Physikunterricht aussehen…

Veröffentlicht am 27. Januar 2016 um 14:45 Uhr

Menskegrilletlevende

„Je größer das Vertrauen in die Wissenschaft gewesen war, umso bitterer war die Enttäuschung.“
Francesco de Sanctis

Wollen wir hoffen, dass dieses Zitat niemals auf diesen Physiker zutrifft!

Für eine norwegische Fernsehsendung lässt sich ein Physiker immer wieder auf waghalsige Experimente ein. Oder sollte ich lieber sagen: Versuche? Denn mit Sicherheit sind alle Tätigkeiten im Vorfeld berechnet worden. Eine echte Gefahr aus physikalischer Sicht dürfte somit nicht vorhanden sein. Dennoch: Nervenkitzel ist für den Betroffenen immer dabei und für den Zuschauer ist es nicht weniger spannend.

Viel Spaß mit Andreas Wahl, der sich grillen lässt, der auf sich schießen lässt und dann noch so eine Sache mit einem Seil einem Gewicht und dem freien Fall macht.

(via: www.kraftfuttermischwerk.de)

Flattr this!

Das Buch vom Strauß

Veröffentlicht am 21. November 2015 um 23:23 Uhr

Die Seminar-Situation

In einem Seminar hat ein Teilnehmer ein Buch empfohlen. Ich habe das Buch sofort notiert und zu Hause Recherchen angestellt. Es hörte sich nicht so schlecht an und so landete es auf meiner Amazon-Wunschliste.

Die RSS-Feed-Situation

Täglich lese ich meine RSS-Feeds. Gut in Wirklichkeit lese ich häufig nur die Überschriften und die ersten Sätze.  Wenn mich das dann nicht interessiert, dann wische ich eben weiter. Es gibt aber Namen und Seiten, die ich auf jeden Fall lese, auch wenn die Überschrift mich nicht anspricht. Und in einem dieser Beträge von Andy Strauß wird eine wilde und unhaltbare These aufgestellt:

Außerdem ist er [Einmannjan] vermutlich der Einzige, der meine Seite RSS-abonniert hat, also zu den regelmäßigsten Lesern dieser Seite gehört.
establishmensch.de – Abruf: 2015-11-21

Diese unglaubliche Annahme konnte ich nicht einfach so im Raum stehen lassen und musste einen Kommentar los werden, in dem ich meinen Unmut äußerte, auf den der Autor des entsprechendes Blogs auch antwortete.

Die Überraschungssituation eins

Heute gab es ein kleines Päckchen/ eine kleine Briefsendung per Post von Amazon. Meine Frau und ich – wir schauten uns an und zuckten mit den Achseln, da keiner von uns etwas bestellt hatte. Ich machte das Teil auf, da es nur an mich adressiert war. Heraus kam ein Buch, das mir bekannt vorkam, aber ich in diesem Moment noch nicht wusste, wo ich es hinstecken sollte, ich aber wusste, dass ich es mir schon angesehen hatte und es auch haben wollte.

Ich habe in meinem wirren Hirn sogar kurz gedacht, ich hätte das Buch irgendwann mitbestellt und es sei nun mit einer zweiten Lieferung nachgeschickt worden. So ist das mit den wirren Windungen… Die machen sich die Realität so, wie sie sie sehen wollen!

Die Überraschungssituation zwei

In einer ruhigen Minute, nahm ich mir das Buch nochmals zur Brust und kramte in meinen grauen Zellen, woher ich den Titel kenne. BÄM! Da war es… Das Seminar! Herr W. hatte es empfohlen! Aber hatte ich es mir tatsächlich bestellt? Also nochmal im Umschlag geguckt und da kam es zum Vorschein:

Die Grußnachricht von Andy Strauß!

UNFASSBAR! Wie geil ist das denn?

Die Aufklärungssituation

Weil Andy Strauß – die Nase – mich in Bezug auf seinem RSS-Feed nicht auf dem Schirm hatte – und auch nicht haben können, ich kenne ihn, aber er mich eigentlich nicht –  und ich mich darüber beschwert habe, hat der sich an meinem Amazon Wunschzettel bedient und mir ein kleines Geschenk gemacht! Unfassbar!

An dieser Stelle möchte ich mich für die Aufmerksamkeit bedanken: DANKE!ANDYSTRAUSZ

Wer keine Ahnung hat, wer dieser Andy Strauß eigentlich ist, der solle in diesem Moment das Gerät vor dem er sitzt aus machen, in den Keller gehen und sich schämen! Lange! Lange schämen! Gerne auch Selbstgeißeln! Wenn Du dann wieder hier sitzt, wenn Du bereit für die Wahrheit bist, wenn Du voller Wehmut und gebrochen erfahren willst, wer dieser Andy Strauß ist, dann gebe ich Dir einen kleinen Einblick.

So ist mir Andy das erste Mal begegnet:

Andy ist der großartige Schöpfer von „Der kleine Junkie Nimmerplatt“

Andy ist der Akteur des sterbenden Schwanzes:

Der Schöpfer des Gedichts eines Hamsters:

Der Initiator des Denkmälerbeleidigens:

Wer noch mehr Informationen braucht:

So: Und nun Rechner ausmachen und leben gehen!

Flattr this!

Liebe Bild,

Veröffentlicht am 14. Oktober 2015 um 08:09 Uhr

endlich mal jemand, der in der deutschen »Journalisten-Szene« durchgreift! Ich finde es richtig und gut Benutzer, die einen Anzeigenblocker benutzen, die Inhalte von bild.de zu verwehren!

Bisweilen passierte es mir hin und wieder, dass ich auf einen Link in den sozialen Medien klickte und auf wundersame Weise auf die bild.de-Seite1 gelang. Dort wurde ich mit »Informationen« überhäuft, deren Wahrheitsgehalt ich hier und da für fragwürdig hielt und die Themen eine für meine Wahrnehmung unterirdische Banalität erreichten.

Das passiert mir  jetzt nicht mehr!

Wenn ich nun auf einen Link klicke, der zu bild.de führt, dann bekomme ich diese Hinweisseite, die mich darüber aufklärt, dass ich nun nicht mehr auf oben geschilderten »Journalismus« stoße. An dieser Stelle ein richtig dickes DANKE!

Bitte macht weiter so und habt noch tolle weitere Ideen!

bild

 

µBlock
Preis: Kostenlos

 

 

 

 

  1. Mit Link, denn: Es passiert ja nichts Schlimmes! []

Flattr this!

Nein, alles war gut

Veröffentlicht am 16. September 2015 um 15:00 Uhr

AllesGut

Prüfend hielt er seinen Fuß in die Kabine. Das Wasser hatte die richtige Temperatur erreicht. Die Dusche tat richtig gut. Nach und nach löste das heiße Wasser seine verspannten Muskeln. Sie fand die Wohnung eben toll und so musste der gesamte Hausstand in den vierten Stock getragen werden. Er duschte länger als nötig. Das Badezimmer war mit Nebelschwaden durchzogen. Mit dem Handtuch säuberte er den Spiegel, dann betrachtete er sich. »Gut siehst du aus«, dachte er. »Fehlt nur noch der Kinderpo im Gesicht.« In langsamen, gleichmäßigen Bahnen befreite er sein Gesicht von den Stoppeln der Nacht. Kein Blut, keine Pickel, keine Schnitte. Perfekt! Der Spiegelschrank öffnete sich, er griff zum alltäglichen Aftershave, drehte den Deckel ab, harrte eine Sekunde inne, drehte den Deckel wieder drauf und stellte die Flasche zurück in den Schrank. Beherzt griff er nach dem Flakon mit dem teuren Duftwasser aus Paris. Handgemachtes für einen besonderen Anlass.

Den Anzug hatte er gestern Abend bereits rausgelegt. Eine Maßkonfektion aus seiner Heimatstadt. Nicht so edel wie der Zwirn eines Herrenschneiders, aber immer noch eine Maßanfertigung. Dazu ein gutes Hemd und eine Seidenkrawatte. So ausgiebig wie die letzten Tage war das Frühstück nicht, denn der Termin löste einen gewissen Druck bei ihm aus. Sowohl zeitlich als auch in der Magengegend. Ein Blick auf die Armbanduhr. Viel braucht er ja nicht mitzunehmen. Schlüssel, Handy und die Bewerbungunterlagen: nochmals die Kopien seiner Abschlüsse und Auszeichnungen, aber eigentlich hatten die ja schon alles bekommen. Ein letzter Blick in den Spiegel im Flur. Krawatte war gerade, Kinderpo im Gesicht, Schuhe sauber, die Haltung aufrecht. So konnte es losgehen.

Auch wenn er nicht in Eile war, die vier Stockwerke nahm er dynamisch und schnell. Auf den letzten Stufen angekommen, sah er eine ältere Dame an der Haustür, die gerade das Haus verließ. Um diese nicht mit der Schnelligkeit der Jugend zu irritieren und auch einen guten Eindruck bei der neuen Nachbarin zu hinterlassen, bremste er sofort ab. Die letzten Stufen nahm er anständig und in gesitteter Geschwindigkeit.

Freundlich begegnete er der Dame mit einem: »Guten Morgen!« Ein wenig erschrocken drehte sie sich um und schaute ihm in die Augen. »Ich bin der neue aus dem 4. OG. Schön Sie kennenzulernen.« Ohne seinen Gruß zu erwidern, drehte sich die Dame zur Haustür. Sie öffnete sie weit genug, um hindurchzuhuschen und lies die Tür hinter sich wieder ins Schloss gleiten. Seine Schritte beschleunigten in Richtung Haustür. Auf dem Bürgersteig sah er die Dame in Richtung Innenstadt gehen. Der Geldautomat lag in der anderen Richtung.

Ein starrer Blick auf die Symbolik über dem Kartenschlitz an der Eingangstür, ein konzentriertes Schauen auf seine Karte. Die Karte glitt in den Schlitz und der Summer, der die Tür öffnet, summte. Eine junge Mutter mit einem Mädchen kam ihm entgegen. Das Kind mag um die drei Jahre alt gewesen sein und starrte ihn stechend an. Ein breites Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit. »Hallo kleine Dame.« Die Mutter schaute ihn nur aus dem Augenwinkel an, ging zügig einen Schritt vor ihre Tochter, legte eine Hand in ihren Rücken und schob sie langsam aber sicher in Richtung Ausgang. Das Mädchen mit den Pipi-Langstrumpf-Zöpfen löste seinen Blick nicht. Die Mutter vermied jeglichen Augenkontakt mit ihm. Auf dem Weg zum Geldautomaten drehte er sich nochmals um, lächelte und zwinkerte dem Mädchen zu. Dieses zwinkerte zurück und grinste breit. Als der Automat das Geld ausspuckte, warf er einen Blick auf seine Uhr. Sie verrat ihm, dass er sich sputen musste, um den Bus zu bekommen.

Forschen Schrittes ging er in die Richtung der nächsten Bushaltestelle. Sein Bus sollte erst in 4 Minuten kommen, es stand aber schon ein Bus in der Haltebucht. Der letzte wartende Fahrgast stieg gerade die Stufen hoch. Kurzentschlossen rannte er im Laufschritt auf den Bus zu. Ein paar Minuten eher da zu sein, kann ja nicht schaden.

Durch den Außenspiegel nahm der Busfahrer Blickkontakt auf. Ein Lächeln war erkennbar. Mit trippelnden Schritten bremste er vor der Tür des Buses ab, als das typische Geräusch zum Schließen der Tür erklang. Direkt vor seiner Nase berührten sich die Gummilippen der Flügel. Freundlich, aber bestimmend, klopfte er an die Scheibe der Tür. Langsam wendete sich der Busfahrer ihm zu, grinste ihn an und zeigte ihm demonstrativ seine Armbanduhr. Der Bus entfernte sich von der Haltestelle. Die Passagiere blickten aus den Fenstern und beobachteten den Stehengelassenen.

Kleine Tropfen trafen ihn an der Nase. Um nicht durchnässt zu einem Vorstellungsgespräch zu kommen, stellte er sich unter den Unterstand. Langsam kamen weitere Fahrgäste. Sie hielten sich außerhalb des Unterstandes auf und blieben im Regen stehen.

Der Bus fuhr langsam in die Bucht, die im Regen Wartenden stiegen ein. Er war der letzte Fahrgast. Er teilte dem Busfahrer mit, zu welcher Station er gefahren werden wollte. Der Busfahrer nuschelte sich etwas in den Bart. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er, als er den Fünfziger aus seinem Portemonnaie zieht, »aber leider habe ich es nicht kleiner.« Die Mine das Busfahrers änderte sich schlagartig von einem neutralen auf einen genervten Status. Eine gefühlte halbe Ewigkeit starrte der Busfahrer in seine Augen. Ein langsamer Augenaufschlag löste die Starre und ließ den brummeligen Alten zum Mikrofon greifen.

»Sehr geehrte Fahrgäste, die Weiterfahrt verzögert sich um einige Minuten, weil der Herr hier nicht in der Lage ist, passendes Kleingeld bereitzuhalten.« Er spürte, wie sich 27 Augenpaare auf ihn fixierten. Jedes einzelne geladen mit einer Portion Vorwurf und sarkastischem Dank.

Der Busfahrer stand behände auf, griff auf die Ablage über ihm und holte eine kleine Schachtel heraus. Gelassen und ruhig zählte er einige Scheine ab, legte diese auf die Kassenvorrichtung, schloss den Deckel der Schachtel, stellte diese auf den Platz zurück und setzte sich wieder. Seine Hand griff zu dem Bündel Scheinen. Er begann sie abzuzählen und hielt sie dem neuen Fahrgast hin. Konzentriert drückte der Busfahrer die Hebel am Rückgeldautomaten, so dass das Rückgeld in den Münzbehälter rutschte. Nun erfolgte nur noch die Eingabe in den Fahrscheindruckautomaten und der Fahrschein konnte dem Fahrgast übergeben werden. »Vielen Dank!«

Der Busfahrer schaute ihn weiterhin stechend an. Der Bus fuhr an. Mit Geldscheinen, Münzen und Fahrschein bewaffnet torkelte er durch den fahrenden Bus. Die Augenpaare hatten sich, bis auf wenige Ausnahmen, noch immer nicht von ihrer Fixierung gelöst.

Ein freier Sitzplatz strahlte ihn an. Der Bus fuhr in eine Kurve und von der Fliehkraft wurde er quasi auf den freien Sitz katapultiert. Durch den Schwung setzte er sich auf einen Teil der Jacke des älteren Herrn neben ihm. Dieser baute sich auf und zog demonstrativ seine Jacke unter dem fremden Hintern weg. »Pass doch auf wo Du dich hinsetzt«, raunt der alte Mann zu seinem neuen Sitznachbarn. »Du hast doch auch Augen im Kopf!« »Entschuldigen Sie bitte, ich bin durch die Kurve…«, weiter kam die Entschuldigung nicht. Der ältere Mann stand verärgert auf und stellte sich demonstrativ vor den Bereich der Tür. Beim Vorbeigehen trat er, beinahe zufällig, auf die frisch geputzten Schuhe. Jedes Wort der Entschuldigung fehlte. Es schien nur Dreck an der Oberfläche zu sein. Er rieb den Schuh am Hosenbein der Wade, um den alten Glanz wieder hervorzuholen. Verträumt schweifte sein Blick aus dem Fenster. Die nasse Straße, das trübe Wetter, die hetzenden Menschen. Irgendwie konnte das einen schon depressiv machen.

Von der Bushaltestelle war es nicht weit zum Bürogebäude, in dem das Vorstellungsgespräch stattfand. Das Gebäude machte einen sehr modernen und funktionellen Eindruck.  Als er durch die Tür trat, wurde sofort der Portier auf ihn aufmerksam. Er winkte und rief quer durch die Empfangshalle: »Endlich kommt ein Neuer, hier sieht es ja auch schon überall aus wie Sau.« Sich umschauend, ging er auf die Kabine des Portiers zu. »Entschuldigung?« »Ja, wie siehst Du denn aus? So chic war hier noch keiner, der sich auf den Job beworben hat. Aber wird auch Zeit, dass die Mädels mal Verstärkung bekommen.« »Ich verstehe nicht ganz.« Verstört holte er aus seinen Unterlagen die Einladung für das Vorstellungsgespräch hervor. Auf dem Briefbogen prangte in großen Lettern „WOC-CONSULTING“. Der Portier schielte mit einem Augen auf den Briefkopf. »Können Sie mir bitte mitteilen wo sich die Firma „WOC-CONSULTING“ befindet?« Verdutzt und offensichtlich peinlich berührt,  zeigte der Portier auf den Fahrstuhl. »2. OG, dann links – Raum: 2.110 – Sie werden erwartet.«

Zaghaft klopfte er an die Tür. Eine freundliche Männerstimme rief: »Herein.« Seine Hände waren kalt und nass, die Knie ein wenig weich und wieder spürte er den Druck in der Magengegend. Langsam atmete er dreimal durch. Diese Stelle könnte sein Leben verändern. Endlich ankommen, vielleicht eine Familie gründen, ein kleines Eigenheim. »Sie dürfen gerne herein kommen«, weckte ihn eine Stimme aus dem Tagtraum. Die Klinke wurde von der eiskalten Hand gedrückt, die Tür öffnete sich. Er sah einen Mann aus dem Fenster schauen. Er hatte ein Mobiltelefon in der Hand und schien, zu telefonieren. »Nehmen Sie ruhig Platz«, rief er durch den Raum, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen. Völlig unerwartet sagte er: »Okay Schatz, mein Termin ist da, ich rufe Dich später nochmal an.« Im Umdrehen begrüßte er seinen Gast: »Herzlich Willkommen bei WOC-CONSULTING, ich freue mich Sie begrüßen zu dürfen Herr…«, er vertummte mitten im Satz, als er seinen Gast erblickte.

Die gesamte Dynamik, die den Herrn bisher ausgemacht hatte, verschwand. Die Arme hingen links und rechts am Körper herunter. Sein Telefon glitt langsam und lautlos aus seiner Hand auf den Schreibtisch. In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein anderer Mann betrat den Raum. Dieser Schritt sofort auf den erstarrten Mann zu, klopfte ihm auf die Schulter und fragte: »Na, ist der Bewerber schon da?« Er nickte. Die Starre löste sich und beide Männer gingen auf den Tisch zu, an dem der Bewerber Platz genommen hatte. Sie setzten sich zu ihm und stellten sich vor.

»Ja, haben Sie schon mal in einem so großen Betrieb gearbeitet?«

»Nein, bisher noch nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, hier zu arbeiten. Ich habe meinen Abschluss an der Uni exakt in dem Themenbereich gemacht, in dem Sie…«, weiter kam er nicht. Er wurde unterbrochen.

»Das ist schade, wir brauchen unbedingt jemanden mit Erfahrungen auf dem Gebiet.«

»Oh ja, die habe ich ja!«, erholte einige Zettel aus seinen Unterlagen. »Meine letzte Forschungsarbeit, die in diesem Jahr ausgezeichnet wurde, zeigt ja besonders…«

»Praktische Erfahrungen — Theoretiker können wir nicht gebrauchen!« Der später dazugekommene Mann stand auf und reichte dem Bewerber die Hand. »Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.«

»Aber es war doch aus meinen Unterlagen, die ich ihnen geschickt habe, ersichtlich, dass ich noch nicht so viel Berufserfahrung habe.«, versuchte er die Situation noch zu retten. Er sah nur noch den Rücken des Mannes auf dem Weg raus aus dem Büro. Der andere Mann stand nun auch auf. Er verzog das Gesicht und zuckte mit den Achseln, als wollte er sagen: ›Er ist der Boss, ich bin nur eine kleine Leuchte…‹.

Dann streckte er die Hand aus und sagte: »Da scheinen wir ihre Unterlagen nicht genau gelesen zu haben. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und weiterhin viel Erfolg bei der Suche nach einem Job.« Das Gespräch war beendet.

An die Rückfahrt nach Hause konnte er sich nicht mehr erinnern, er war wie benebelt. Fest hatte er damit gerechnet, die Stelle zu bekommen. Alles passte so gut zusammen. »Aber gut, vielleicht brauchen die wirklichen einen mit praktischen Erfahrungen und haben meine Bewerbung nur überflogen«, dachte er, als er die Wohnungstür aufschloss.

»Na, wie war’s?«, schrie sie als sie die Tür hörte. »Wie war dein Vorstellungsgespräch?« Sie kam in den Flur gerannt.

»Ich habe keine praktische Erfahrungen, darum stellen die mich nicht ein.«

Das hoffnungsvolle Strahlen wich aus Ihrem Gesicht. Das Spültuch in ihrer linken Hand ließ sie zu Boden fallen. Versteinert schaute sie ihm in die Augen. Die Zeit fror ein.

»Die Arschlöcher! Das ist doch nur eine scheinheilige Ausrede!«

»Nein, nein! Das stimmt nicht. Die waren wirklich nett. Und ich kann auch verstehen, dass ein solches Unternehmen Leute haben will, die wissen, wie das Geschäft läuft.«

»Aber das weißt DU doch. Du hast als Jahrgangsbester abgeschlossen, deine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. Du bist ein Spezialist. Das sind rassistische Arschgeigen, das ist alles.«, wütend trat sie gegen den Schrank im Flur.

»Wir hätten hier nicht hinziehen dürfen«, flüsterte sie weinerlich. Sie ging auf ihn zu, gab ihm einen Kuss, nahm ihn besorgt in den Arm und hauchte liebevoll, mit einem sich entschuldigenden Unterton: »Und? Wie war Dein Tag sonst? Gab es sonst irgendwelche Probleme?«

»Nein, war alles gut!«

Nein, alles ist gut – zum Herunterladen als PDF

Flattr this!

This website uses a Hackadelic PlugIn, Hackadelic Sliding Notes 1.6.5.